Samstag, 7. Februar 2009

Nordstadt

Es gibt geschätzte dreiundvierzig Trizillionen Möglichkeiten Kontakt aufzunehmen zu einem einem bis dato unbekannten Menschen - die meisten davon beinhalten Sätze, Aussagen, Sprüche, kurz: Worte. Einige sind besser geeignet als andere, selbstredend. Kaum eine Wortfolge ist allerdings so unpassend wie: "Gestern wollte ich mich umbringen. Echt." - ohne entspannend ironischen Unterton vorgetragen. Ich kann das beurteilen, denn mir wurde dieser etwas bizarre Annäherungsveruch zuteil, gestern. Ich sollte keine Witze darüber machen, eigentlich war es tragisch wie ärgerlich, und ich einigermaßen aus der Fassung gebracht. Was soll man denn anfangen mit so einer Aussage? Wie soll man da reagieren?
Der Mensch der das zu mir sagte war ein schon nachmittags ziemlich betrunkener Typ der ins Kino kam als ich arbeitete. Zugegebenerweise hatt ich schon mal das zweifelhafte Vergnügen, meine grandiose Einleitung da oben dient also vor allem der poetischen Darstellung, tatsächlich hatten wir schon mal miteinander gesprochen. Da war er auch besoffen und es war auch unerfreulich, aber zumindest war nicht von Selbstötung die Rede. Dafür schlief er im Nachmittagsfilm ein, kippte dabei sein volles Bier um und ließ sich nur mit leichter Gewalt und mit Hilfe von Sven wecken um dann pöbelig zu werden. Als ich ihn also gestern reinkommen sah schwahnte mir nichts allzu Gutes. Wieder guckte er den Frühfilm, ihm wehte bereits eine stattliche Fahne voraus und während der schlechten französischen Komödie (die ihm tatsächlich zu gefallen schien) kam er mehrfach raus um noch mehr Bier zu erstehen - bis zu dem Punkt wo ich ihm erklärte dies sei nun das letzte das er von mir bekommen würde. Nach dem Film, er konnte nicht mehr wirklich sicher stehen und darum verweigerte ich ihm auch ein Ticket für den nachfolgenden, schwafelte er erst ein wenig über hörbare Radiosender und Hörspielversionen von Frank Schätzings Erfolgsroman "Der Schwarm" um dann oben bereits erwähnten Satz auf mich loszulassen. Gut, vorher warf er noch ein vergleichsweise zusammenhangloses "Habt ihr hier spitze Gegenstände?" in die aus mir und Kati bestehende Runde, aber dann rückte er gleich raus mit der knallharten Warheit. Ich reagierte ein klitzekleines bißchen unbedacht wenn man nur von einer minimalen Chance ausgehen möchte daß er das ernst meinte. Ich sagte ihm, daß das ja nun keine Art sei. Was ich denn bitte damit anfangen sollte (worauf er tatsächlich meinte ich könnte ihm ja Möglichkeiten aufzeigen, womit er Methoden der Selbsttötung meinte, nicht etwa Möglichkeiten sich besser zu fühlen...), und wieso er das ausgerechnet mir erzählen zu müssen meinte. Er reagierte beleidigt, ich riet ihm nach Hause zu fahren und sich doch einfach nicht zu töten. Ich bin eine Zynikerin. In meinem Viertel wimmelt es von tragischen Fällen, Trinker, Junkies, Gestörte die mal glücklich mit ihrer Störung leben und somit einen geweissen Unterhaltungsgrad haben und solche denen es nicht gut geht. Gestalten, die echt fertig sind kommen hier gehäuft vor und am schwierigsten zu ertragen sind die, bei denen klar ist, daß sie einmal eine Chance gehabt hätten. Die einigermaßen Klugen halbwegs Gebildeten. Zu dieser Kategorie gehörte der Typ gestern eindeutig auch. Ich weiß natürlich nie, was diesen Menschen passiert ist, aber seit ich hier wohne denke ich oft, daß der Schritt aus dem gereglten Leben hin zu so einer Existenz kein gigantisch großer sein muß. Und es ist nicht so, daß mir Menschen wie er nicht auch leid tun. Es ist nur so, daß man sich sowas hier nicht zu sehr zu Herzen nehmen sollte, es kommt schlicht zu häufig vor. All zu lange möchte ich hier nicht bleiben. Weil ich merke wie ich härter werde, unbarmherziger. Und eigentlich will ich das nicht.

Keine Kommentare: