

Fotos meiner großen Familie. Alte Bilder von Leuten, die ich größtenteils nicht gekannt habe. Menschen bilden ihr Leben ab. Ich mag die Farben, die Art und Weise wie früher posiert wurde. Daß Fotos etwas besonderes waren, etwas wertvolles. Ich mag, daß fast alle Schnapschüsse unscharf sind, wie die meisten Erinnerungen, die ich habe, auch.
Heute haben alle ihre korrigierten Fotos auf dem Computer und keiner macht mehr Abzüge. Das ist ein echter Verlust, denke ich, wenn ich dasitze und in diesen riesigen Bergen von Bildern wühle. Ich glaube einfach nicht, daß meine potenziellen Enkel sich vor einen Bildschirm setzen und sich Bilddateien aus meiner "Jugend" anschauen werden - oder von mir aus noch eine Generation später. Ich mag das ungeschönte, zufällige von analogen Fotos. Einmal draufgedrückt gibt es das Bild, und man muß es aktiv zerstören, wegschmeißen, zerschneiden und sich auch des Negativs annehmen um ein analoges Bild loszuwerden. Und wer macht das schon? Also landen all diese Fehlschüsse und Grimassen und mitfotografierte Daumen in einer Kiste, in einer Ecke, in Kellern und auf Dachböden - und warten auf den, der sie irgendwann rauskramt.
Im Haus meiner Eltern gibt es eine Million Fotos. Das liegt daran, daß mein Vater ein begeisterter Fotograf ist und als solcher auch gesteigertes Interesse an den Bildern anderer hatte. Er hat viel aufgehoben und gesammelt, wirklich archiviert oder geordnet hat er nichts. Ich habe in den meisten Fällen keine Ahnung, wer das ist auf diesen Bildern. Meine Oma Lina (die Dame mit dem Kopf im Fenster) war halbwegs fleißig darin, Orte und Daten auf Rückseiten zu vermerken, eine Taktik von denen gern abgeraten wird, weil die Säure von Tinte die Fotos zerstört. Ein Glück, daß sie meist einen Bleistift nahm. Auf mütterlicher Seite war man da schludderiger. Aber da erkenne ich auch mehr - und es sind einfach weniger Menschen. Ich weiß nicht genau, was ich denken und fühlen soll wenn ich diese Bilder angucke. Fühle ich mich zugehörig zu den Männern und Frauen und Kindern? Nicht so wirklich. Ich gucke schon auf meine eigenen Kinderbilder mit merkwürdiger Distanz - vor allem, wenn Situationenabgebildet sind, an die ich mich selbst nicht erinnere. Es gibt ja auch falsche Erinnerungen, solcher zweiter Hand, ausgelöst von Erzählungen die bei jedem Familienessen wieder aufgetischt werden oder wurden und von Fotos, die man tausendmal gesehen hat. Und dann glaubt man plötzlich, sich wirklich zu erinnern wie das war, wie man sich fühlte da oben auf dem Klettergerüst als man nicht mehr wüßte wieder runter. Das sind unzuverlässliche Erinnerungen, zusammengereimt mit Hilfe der kollektiven Erinnerungen anderer und mit Hilfe von Fotos, die ja nie die Wirklichkeit zeigen sondern ein Fragment, das sich zu allem Überfluß auch noch interpretieren läßt. Bleibt die Frage, warum ich so latent besessen bin von Fotos, warum ich manchmal das Gefühl habe ein Bild zu brauchen, um die Dinge wirklich zu verstehen. Oder zu glauben. Warum ich ein Foto von mir am Todestag meiner Mutter wollte, eins von ihr in ihrem Bett auf der Intensivstation. Eins von ihrem Grab. Eins von Birger aus dem Fenster geschossen , wie er meine Wohnung verlässt nachdem wir uns trennten, natürlich unscharf weil ich selbstverständlich geheult habe? Warum bin ich so fixiert auf Aufnahmen? Traue ich meinem Hirn nicht, meiner Erinnerung? Fakt ist, daß ich vieles nicht mehr weiß. Auch vieles, von dem andere behaupten sie könnten das niemals vergessen. Ich erinnere mich nicht mehr an meinen ersten Kuß, kaum mehr an meinen ersten Schultag. Ich bin unzuverlässig wie die Bilder, aber vielleicht hoffe ich, daß sich das ergänzt: was ich auf dem Foto sehe und was noch in den Untiefen meiner Erinnerung schwimmt und schwelt. Vielleicht glaube ich beides zusammen ergebe eine glaubhafte, reale Erinnerung. Ich weiß nicht. Ich kann nur nicht anders.

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