Nach gefühlten 35Jahren des Studiums der Amerikanistik möchte ich behaupten: die amerikanischste Form aller Literatur ist die Kurzgeschichte. Romane, Stücke, Lyrik - alles schön und gut, aber eigentlich immer überlegen sind sie den Werken der alten Welt meiner Ansicht nach nur bei der Kurzgeschichte. Worauf sie stolz sein sollen, ist doch die Kurzgeschichte quasi die Krone der Literatur wie ich finde. Mit sicherheit am schwierigsten zu produzieren ist sie in ihrer limitierten Form am unmittelbartsen. Nach dem letzten Satz einer guten Short Story bleibt man zurück inmitten seiner gerade erst bemerkten Empfindungen. Diese Form erfordert viel mehr Mitarbeit vom Leser, viel mehr eigene Kreativität und Phantasie. Wahrscheinlich berührt sie mich darum am meisten. Es macht einfach Spaß. Die Geschichte ist abrupt zu ende, aber mein Kopf kann nie so schnell abbremsen. Die Ideen und Erwartungen rasen noch ein Stück weiter über die eigentliche Ziellinie. Ich glaube kaum, daß irgendein Leser es schafft, sich keine Gedanken darüber zu machen, was nach dem Ende der Geschichte noch alles habe passieren können.
Ich mag T.C. Boyle und natürlich habe ich Salinger gelesen und geliebt. Aber der wirkliche Meister bleibt wohl Raymond Carver. Wenn ich nur ein Buch auf der Welt behalten dürfte wäre es vermutlich "Will you please be quiet, please?". Damit könnte ich lange klarkommen. Mag ich ihn, weil seine Figuren allesamt gescheitert sind im Leben, und ich michda latent zugehörig fühle? Vielleicht. Oder es ist diese lakonische, ruhige Sprache die all dieses "gewöhnliche" Drama in seiner Fürchterlichkeit nur noch betont. Das Leben in seinen Geschichte ist ganz durchschnittlich schrecklich. Es ist leicht sich damit zu identifizieren und erschreckend zugleich, denn Carver verweigert jede Form von "Alles wird wieder gut"- Romantik. Von manchem weiß man, daß es wieder in Ordnung kommen wird, das muß dann auch nicht extra erwähnt werden. Vieles bleibt schlimm. Wir haben das immer geahnt, und Carver bestätigt uns nur. Sehr berührend.
Das Zitat oben stammt aus einem Essay das der tolle Richard Ford über Raymond Carver geschrieben hat, und über ihre Freundschaft. Carver hatte schlechte wie gute Zeiten, die schlechten angenehmerweise zuerst und wußte so die Ironie und Launenhaftigkeit des Glückes an sich zu schätzen. Der Text steht am Anfang meiner übersetzten Aussgabe und beschreibt auf beeindruckend klare Weise was das lesen einer guten Erzählung mit dem Leser macht. Machen kann. Etwas, daß ich mal Mark zu lesen geben könnte, der mich ja dauernd fragt, was mir das lesen von Belletristik denn nun eigentlich brächte? Was denn mit Erkenntnisgeweinn sei bei einem rein fiktiven Text? Mich bringen diese Unterhaltungen immer an den Rand meiner verbalen Möglichkeiten, mir fehlen schlicht die Worte ihm zu vermitteln, was ich sagen will. Was Romane, Geschichten für mich sind und wie sie mein Leben besser machen. Er sollte diesen Essay lesen.
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