Im Haus gegenüber ist, genau meiner eigenen Wohnung gegenüber eine Wohnung des Jugendamtes, wo halbstarke Jungs relativ un-betreut wohnen. Deren Fenster (also eigentlich wohnt immer nur einer da, aber sie wechseln so häufig, daß man schon im Plural von ihnen sprechen kann...) liegt keine zehn Meter Luftlinie von meinen Schlafzimmerfenstern entfernt. Das ist insofern wenig erfreulich als daß diese jungen Herren (bisher waren es immer Jungs) vereint sind in einem miserabel schlechten Musikgeschmack. Sehr beliebt: mieser deutscher Rap. Ich kenne mehr Bushido-Songs als einem halbwegs gesunden Menschen lieb sein kann. Der Letzte, der dort wohnte bemerkte irgendwann, daß er von seinem in mein Fenster gucken konnte. Und vollführte im Anschluß regelmäßig lustige Verrenkungen von denen er sich wohl versprach, daß ich ihn ihn wiederum beim nachmittäglichen spannen nicht entdecken möge. Vergeblich. Dieser Knabe war nur sehr kurz da, malte etwas, das einem unattraktiven Tribal-Tattoo nicht unähnlich war an die Wand hinter dem Fenster und stand gern laut telefonierend an seinem offenen Fenster. Auf die Weise erfuhr ich einiges von dem, was ihn so umtrieb. Ich habe das meiste wieder vergessen, vielleicht ausgenommen den Tag, an dem er tatsächlich heulend dort stand und irgendjemandem erklärte sein Handy sei weg, in einer fremden Wohnung geblieben deren gemeiner Besitzer ihm nun die Türe nicht mehr öffnen wolle. Dabei sprach er in etwas, das wohl sein Zweit-, Ersatz- oder Notfallhandy sein musste. Um einen Notfall handelte es sich offensichtlich. Nach seinem plötzlichen Auszug wurde erstmal renoviert, was angenehm still vonstatten ging - nicht einmal eine Bohrmaschine war in Gebrauch, jedenfalls habe ich nichts dergleichen mitbekommen. Seit gestern nun gibt es einen neuen Bewohner. Mit altbekannten musikalischen Vorlieben, wie ich schon bemerken durfte. Ich bin einigermaßen froh, daß der Sommer vorbei ist und mir nicht sofort der Erstickungstod droht, wenn ich mal die Fenster schließe.
Ich bin altmütterlich, spießig und intolerant.
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